STIPENDIUM

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NRW Stipendium für Medienkünstlerinnen (2000)

Ilona Johanna Plattner, Münster (*1966)

Das erste Stipendium des Landes NRW für eine Medienkünstlerin aus NRW wird an Ilona Johanna Plattner vergeben, die sich mit ihrem Konzept für www.dieMystikerin.de beworben hat: einem Netzkunstprojekt, das den Status des Realen, Fiktiven und Virtuellen befragt.

Jury: Iris Dressler, Christine Meierhofer, Friederike Wappler

www.dieMystikerin.de wird im Rahmen der Ausstellung "Chiffren + Legenden" (März/April 2001) in erweiterter Form (Installation "Stellen im Hirn und andersWo") vorgestellt. Parallel dazu wird die Website der Mystikerin auf dem internationalen Filmfestival "femme totale" präsentiert.

Stellen im Hirn und andersWo
Rauminstallation, 2001

Ausgehend von der etymologischen Bedeutung der Stelle als „äußerstes Ende“, stellt „Stellen im Hirn und andersWo“ die Frage nach der Wirklichkeit, nach ihrer Konstitution und Konstruktion und nach ihren Medien. Wo ist das äußerste Ende, das Unvorstellbare, dort wo das Nichts beginnt? Jede Stelle befasst sich mit einem anderen Themenkreis und / oder anderen Medien, der Handhabung und Bedeutungsgebung von Wahrnehmungskontexten. An verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten werden verschiedene Stellen kombiniert und variiert. dieMystikerin als Schaltstelle und Keimzelle stellt die Frage nach dem was eine Person ist, was eine Person ausmacht in Bezug zu Kommunikationsmedien, die keine körperliche Anwesenheit erfordern. Der materielle Träger ist jeweils ein anderer, er beeinflusst und bestimmt das wahr zu nehmende. Die Stellen variieren in Form und Inhalt, in Bild und Text, in real und fiktiv, in konkret und virtuell, in Leben und Tod; musikalische Strukturen von Wiederholung und Abwandlung.
Ilona Johanna Plattner

www.dieMystikerin.de, seit 2000
Netzkunstprojekt, http://www.dieMystikerin.de
Produziert im Rahmen des Stipendiums des Landes NRW (MSWKS) für Medienkünstlerinnen aus NRW

Alles beginnt mit einer Tablette. Der Spalt lässt ein Produkt erkennen, doch darin befindet sich nicht der Stoff zur Erlösung vom Kopfschmerz, sondern vielmehr der Schriftzug, welcher diese Netzkunst-Arbeit tituliert: Die Mystikerin. Die Domain der „Mystikerin“ existiert seit Mai 2000. Seitdem nimmt die Arbeit immer neue Gestalten an. Sie ist zentraler Bestandteil eines Kernwerks („Stellen im Hirn und andersWo“) der Künstlerin Ilona Johanna Plattner.
Die „Mystikerin“ ist als offline-Werk nicht denkbar, denn sie rechnet mit dem Abonnement des Surfers und spiegelt dies durch ihre dem Web angemessene Struktur und die entsprechende Form. Der Gebrauch von schlichten Codierungen, die immer auch für den nicht allzu geübten Laien nachvollziehbar bleiben, verweist auf die Geschichte des HTTP-Protokolls und von HTML als System zur Textübermittlung und Seitenbeschreibung aus einer Zeit vor der Multimedialität. Das Werk baut nicht auf Abgeschlossenheit, ist aber auch nicht performativ im eigentlichen Sinne. Jedoch verhandelt es Zustände, die sich in der Regel um den Begriff der Virtualität, der Sprache, der KünstlerIn ranken. Insofern ist es dem Medium Internet angemessen. Nicht jedes Update ist eine Erweiterung. Manchmal sind es die kleinen Änderungen wie Streichungen, die zu einer Irritation des Besuchers führen.
Zentral ist die selbst beschreibende Komponente und die Frage nach der Identität im Zeitalter der Digitalität. Das Internet verhandelt auf vielfache Weise seit seiner Popularisierung den Begriff Identität dekonstruktiv. Das Transgendering in Chatrooms (aber auch schon in Text basierten Adventures) beispielsweise erlaubte in einem Echtzeit-Kommunikations-Regelwerk, dass sich sowohl Name als auch Geschlecht oder Gattung nach Belieben unter gesetzten Bedingungen verändern ließen. Man konnte dabei auf das Verständnis der jeweiligen Community rechnen. Doch was das Theoretisieren über solche Phänomene weitgehend außer Acht ließ, war die körperliche Verfasstheit, was zu exorbitanten Theorieblasen führte, welche in extremen Positionen den Menschen bereits in ein Nirwana aus Null und Eins lozierten.
Der Begriff der Mystikerin fungiert in Ilona Johanna Plattners Arbeit mehr als nur als Metapher. Mit der Verkoppelung eines uralten religiös-intellektuellen Phänomens und der Hinterfragung von Identitätsbehauptungen in unserer Zeit, formuliert Plattner eine Kritik an der technokratischen Einstellung zum Netz. Gleichermaßen hinterfragt die Arbeit aber intensiv die Vernetzung von Identität mit dem Begriff der KünstlerIn und spielt dies anhand von autobiografischen Details durch, welche aber durch das Medium streng genommen fiktionalisiert werden. Um die Reichweiten zu verdeutlichen, produziert Plattner immer wieder auch lokale Installationen ihrer Arbeit, exzerpiert Bilder, Textfragmente und setzt diese zu komplexen selbstbezüglichen Settings zusammen, die auf Umwegen die Literarizität des Internet entlarven. Dabei entspricht die Modularität im Realraum gleichermaßen der Arbeit im Internet.
Insofern ist http://www.dieMystikerin.de sowohl Zentrum als auch Peripherie einer ins Rotieren geratenen Vorstellung von Identität, Sprache und Bedeutung.

Matthias Weiß